Löffel Schnitzen

Neuer Workshop!

Löffel!

Schnitzen – Glutbrennen – Essen

Ein Tag zur Rückverbindung

Alle Infos unter „Naturseminare“

 

Women Spoon Carvers Tour 2019

„Im Januar 2019 mache ich eine Women-Spoon-Carvers-Tour!“ – die Idee überfiel mich im Sommer 2018 und liess mich nicht mehr los. Kurz zuvor hatte ich erfahren, dass es in Großbritannien ein Löffelschnitz-Festival gibt: Spoonfest. Eine atemberaubende Entdeckung. Ich habe schon mit ca. 11 Jahren meine ersten Löffelschnitzversuche gestartet und seither hat mich die Faszination nie wieder verlassen. Zwar habe ich durchaus auch mal jahrelang keinen Löffel geschnitzt, aber immerhin doch bis zur Entdeckung des Festivals geschätzte 30 Stück. Außerdem hatte ich fast nie den Impuls, etwas anderes zu schnitzen als Löffel. Und jetzt, wo ich in den Wechseljahren war, welche ja häufig Dinge aus der Jugend wieder auftauchen lassen, hatte mich das Löffelschnitzen wieder stärker ergriffen. Ich wollte unbedingt auf das Festival, aber es war schon ausgebucht! Unglaublich, dass es so viele Menschen gab, die diese doch sehr spezielle Leidenschaft teilten! Unter denen, die dort Workshops gaben, waren zwar nicht viele, aber immerhin doch einige Frauen. Und so braute sich in mir die Idee zu dieser Women-Spoon-Carvers-Tour zusammen. Und jetzt war es also soweit…

Paulina, Stuttgart, Germany, Gemeines Holz

Die erste Löffelschnitzerin, die ich besuchte, war Paulina aus Stuttgart. Paulina hat zwar nichts mit dem Spoonfest zu tun, liegt aber geographisch für mich wesentlich näher. Sie wurde vor dreieinhalb Jahren vom Schnitzfieber gepackt. Seit letztem Frühling ist sie mit ihrer Firma „Gemeines Holz“ hauptberufliche Löffelschnitzerin. O.k. – sie schnitzt nicht nur Löffel, aber doch sehr viele Löffel. Und sie gibt Löffel-Schnitz-Kurse. Einen dieser Kurse besuchte ich, um Paulina kennenzulernen. Und natürlich, um gemeinsam mit anderen einen Löffel zu schnitzen und noch mehr übers Löffelschnitzen zu erfahren. Meine Freundin Beate – auch bekannt als „Die Filzlaus“, eine begnadete Vertreterin der Filz-Kunst – war mit von der Partie. Genauer gesagt: sie hatte mir zum ersten Mal von Paulia erzählt. Wir stiegen bei ströhmendem Regen vor einem Industriegelände in Stuttgart Feuerbach aus Beates treuem Lieferwagen, dem „Busle“. Ein Grünes Banner mit der Aufschrift „Hobbyhimmel“ wies uns den Weg.

Paulina und Gwendolin nach dem Kurs: so unterschiedlich können selbstgeschnitzte Löffel aussehen … Mein Löffel ist aus Mammutbaum. Foto: Beate Bossert

Wir treten ein. Als erstes fällt ein Empfangstresen ins Auge. Von dort ertönt gleich ein fröhliches „Ihr wollt bestimmt zu mir!“. Wir sind die ersten. Paulina lädt uns ein, in der Küchenecke des Hobbyhimmels Platz zu nehmen, bis der Kurs beginnt. In der Zwischenzeit bestellt sie zusammen mit einem der Engel des Hobbyhimmels noch schnell ein paar Schnitzwerkzeuge. Als alle 5 TeilnehmerInnen da sind, stellt uns Paulina erstmal den Ort des Geschehens vor. Der Hobbyhimmel ist eine offene Werkstatt mit dem Ziel „die handwerklichen Möglichkeiten möglichst vieler Menschen drastisch zu erweitern.“ Der Himmel befindet sich in einem Teil einer ehemaligen Fabrikhalle und umfasst verschiedene Werkbereiche. Die Vielzahl der Maschienen und Werkzeuge, die hier genutzt werden können, katapultiert sicher so manche BastlerIn auf Wolke 7. In unserem Kurs geht es jetzt erst mal zurück zum Holz. Anhand diverser Holzstücke und geschnitzter Löffel stellt Paulina verschiedene Bäume und ihre Eigenschaften hinsichtlich Löffelschnitzen vor. Sie hat Biologie studiert und bringt von daher viel Wissen über Bäume mit. Dann wählen alle ein Stück Holz für den heutigen Löffel – Paulina empfiehlt für den Anfang eher weiche Holzarten. Wir schnitzen heute nicht mit Grünholz. Im frischen – also grünen – Zustand sind nämlich auch die harten Hölzer relativ leicht zu bearbeiten. Aber das Holzsammeln vor dem Kurs ist wegen des ungemütlichen Wetters ausgefallen. Voller Enthusiasmus stellt uns Paulina ihre Werkzeuge vor jedem neuen Arbeitsschritt vor: Beile, Sägen, Zieheisen, Hohleisen, Löffelmesser, Schnitzmesser. Ich bin beeindruckt von der Tatsache, dass ich es geschafft habe, bis vor kurzem nur 3 Werkzeuge (2 Hohleisen und ein Opinel-Taschenmesser) zu besitzen, die ausdrücklich dem Löffelschnitzen gewidmet sind, obwohl ich doch schon vor 33 Jahren damit angefangen habe, während Paulina nach ihren dreieinhalb Jahren sicher schon mehr als 33 Werkzeuge gesammelt hat. Jetzt habe ich mir noch 3 weitere Werkzeuge dazu gewünscht: ein Schnitzbeil, ein gerades Schnitzmesser und ein Löffelmesser. Ich habe sie auch schon geschenkt bekommen, aber ich befinde mich noch in der Phase des Anschauens-und-Bestaunens, die ich bei tollen neuen Dingen, die in meine Leben treten, oft erst durchlaufen muss, bevor ich sie in Betrieb nehmen kann. Ja, ich bin ein minimalistischer Typ. Und folge außerdem dem Pfad der Schnecke. Was für ein Glück, dass Paulina da anders gestrickt ist, und ich heute die Chance habe, viele verschiedene Werkzeuge auszuprobieren. Denn ich kann mich durchaus für Vielfalt begeistern. Und auf die Löffelmesser war ich schon lange neugierig. Paulinas Werkzeuge sind obendrein traumhaft geschärft. So macht das Schnitzen Spaß! Sie scheint nicht nur scharfes Werkzeug zu lieben, sondern auch das Schärfen selber. Jedenfalls versprüht sie absolute Begeisterung, als sie uns die verschiedenen Schleifmittel vorstellt und zeigt, wie sie z.B. Hohleisen und gerade Messer schleift. Was ich besonders zu schätzen weiss, denn dieses Thema hat mich schon mehrmals einige Nerven gekostet. Besonders gefreut hat mich auch, dass ich mal eine Schnitzbank und ein Ziehmesser ausprobieren konnte – das kannte ich bisher nur aus Büchern und Filmen, hatte aber viel Gutes davon gehört. Aber halt – der Reihe nach: zuerst sägen wir unser Holzstück in die richtige Länge. Dann spalten wir es mit dem Beil. Nun malen wir die Löffelform auf und nehmen mit dem Beil schon mal grob alles weg, was deutlich ausserhalb der gewünschten umrisse liegt. Als nächstes geht es zum Ziehmesser, mit dem wir auch noch gröbere Späne schnitzen können. Dann kommen noch Schnitzmesser und Löffelmesser zum Einsatz. Zum Abschluss gibt es noch Tips zum Ölen der Löffel, ein Gruppenfoto mit uns und den Löffeln und dann ist der Kurs auch schon vorbei. Für mich war viel Spannendes dabei. Einiges werde ich auf jeden Fall nochmal mit mehr Zeit und Ruhe näher erkunden.

Anna Casserly, Lydney, U.K., „Anna´s Beautyful Handcarved Spoons“

Ich stehe am Bahnhof von Gloucester und warte auf den Zug, mit dem ich die letzten paar dutzend Meilen zu meinem Ziel zurücklegen werde. Die Sonne geht gerade auf, und der Himmel über den englischen Hügeln in der Ferne färbt sich rot. Ich bin aufgeregt: Was wird mich heute erwarten? Ich bin schon ein bisschen verrückt… gestern habe ich 15 Stunden in Zügen und Bussen verbracht, um nach Gloucester zu reisen, wo ich übernachtet habe. Um schliesslich heute in Lydney bei Anna Casserly Löffel zu schnitzen. Diesmal ist es kein Kurs, sondern Einzelunterricht. Anna hatte keinen Kurs im Angebot, um dieses Jahreszeit. Die einzige Schülerin zu sein hat bestimmt auch Vorteile, denke ich. Da kann ich noch leichter alle meine verschiedenen Fragen stellen. Im Zug denke ich noch einmal darüber nach, was ich alles gerne wissen möchte. Zum Beispiel die Sache mit dem Grünholz… wo bekommt sie es her und wie hält sie es frisch? Oder schnitzt sie als Professionelle das Zeug einfach so schnell weg, dass es nicht trocknet und hart wird?

Auf meine Löffeltour habe ich 6 Löffel aus den letzten 33 Jahren mitgenommen. Wobei 3 davon Jahrgang 2018 sind, was den steilen Anstieg meiner Löffelschnitzerei in jüngster Zeit ganz gut abbildet. (Die Löffel auf dem Foto sind nach Alter sortiert: links einer meiner ersten Versuche)

Anna wohnt in einem winzigen Reihenhaus am Rande von Lydney. Ich solle durch die Hintertür kommen, hatte sie geschrieben, da wir erstmal draussen mit dem Beil anfangen werden. Der Garten hinter dem Haus sieht nach reichlich Gemüse für den Eigenbedarf aus. Als ich klopfe, bellt es auf der anderen Seite, und als die Türe aufgeht, begrüßen mich noch vor Anna ihre zwei Hunde. Anna bittet mich doch erst noch kurz ins Haus und kocht uns Tee, den wir dann mit nach draussen nehmen, in die niegelnagelneue Gartenhütte, die mir schon vorher aufgefallen war. Aha, das ist also ihre Werkstatt! Sie erzählt mir, dass sie sie gerade erst gebaut haben und sie sich deswegen noch an die neuen Dimensionen gewöhnen muss. Später zeigt sie mir die winzige Kammer an der Rückseite des Hauses, in der sie vorher gearbeitet hat. Bei Anna starten wir erstmal mit „Lockerungsübungen mit dem Beil“, die sie extra entwickelt hat, um Berührungsängste mit diesem Werkzeug abzubauen und gleichzeitig ein Gefühl zu bekommen, was das Beil so alles kann. Ich soll einen Pflock erst zuspitzen, dann die Spitze abrunden und dann die Rundung gerade durch abhauen. Anna macht es mir vor und es sieht natürlich nicht nur elegant sondern auch noch spielend leicht aus. Ich habe zwar heute nicht zum ersten mal ein Beil in der Hand, aber routiniert bin ich damit sicher nicht. Und so mache ich es ihr mehr schlecht als recht nach. Der wichtigste Tip für mich aus dieser Einheit ist: das Holz immer an der selben Stelle auf dem Hauklotz belassen. Das Beil immer senkrecht herunterkommen lassen. Und so die Variablen vermindern. Klingt einleuchtend, ist aber für mich nicht auf Anhieb umsetzbar. Mein Holzstück versucht immer wieder, sich vom Acker zu machen… Während ich so ein paar Stöcke zu Kleinholz mache, wie es Annas Plan entspricht, bekomme ich noch viele weitere wertvolle Hinweise zum Arbeiten mit dem Beil.

Bei Anna Casserly habe ich einen Löffel aus Kirschbaum geschnitzt.

Dann geht es ans Löffel-Holz. Was mich natürlich sofort wieder einschüchtert, da ich befürchte, irgendwo zu viel wegzuhacken. Inzwischen fängt mein Hirn an, ab und zu Knoten zu machen. Anna meint, das sei normal, das wäre ja das Schöne am Löffelschnitzen, dass es Deine volle Aufmerksamkeit braucht und Du an nichts anderes denken kannst. Da hat sie recht! Nur dass ich manchmal eben garnichts mehr denken kann und auch nicht mehr so richtig machen… Aber ich muss ja auch noch mit dem Englisch zurechtkommen. Und irgendwie komme ich dann doch immer wieder weiter. Manchmal schaut Anna aus dem fenster, und ich merke, dass es mich entspannt, ab und zu alleine vor mich hinmachen zu können. Das wäre dann also ein Vorteil vom Kurs… da hast Du nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit und bist dadurch auch nicht so durchgehend nervös… Aber mit der Zeit gewöhne ich mich mehr daran. Und die Vorteile meiner Einzelstunden weiss ich nach wie vor zu schätzen. Als Anna mich fragt, was für einen Löffel ich schnitzen will, sage ich, dass mir der Löffel, der herauskommt, eigentlich egal ist, dass ich mehr interessiert bin die Arbeitsweisen und techniken zu lernen. Und dazu bekomme ich im Laufe des Tages noch reichlich Gelegenheit. Als der Löffel-Rohling Gestalt angenommen hat, gehen wir erstmal ins Haus und wärmen uns mit Tee und Snacks ein wenig auf. Dann zeigt mir Anna einige Messergriffe. Manche kenne ich schon aus den zwei Löffelschnitzbüchern, die ich mir in Vorbereitung auf die Reise zugelegt habe. Aber es ist so viel praktischer, direkt nachfragen zu können! Ich versuche, alle Griffe gleich anzuwenden. Doch obwohl ich schon einige davon kenne, gelingt es mir nicht, mir alle zu merken, die sie mir gezeigt hat. Wow – ja! Ich werde sicher ein müdes Hirn haben, heute abend, so wie Anna es mir vorhergesagt hat.

Um mir die Arbeitsschritte merken zu können, mache ich mir ein paar grobe Skizzen und beschriftete sie in einer wilden Mischung aus Deutsch und Englisch.

Zum Mittagessen gibt es Kürbissuppe aus dem eigenen Garten. Und da mein Löffel noch weit entfernt von fertig ist (und ausserdem ziemlich groß zu werden scheint…), darf ich 2 Holzlöffel von Anna und einem Kollegen ausprobieren. Wir unterhalten uns angeregt und ich frage Anna, wie sie zur professionellen Löffelschnitzerin wurde. Sie erwidert, sie habe wirklich alles gegeben, um einen normalen Beruf auszuüben, aber so Mitte Zwanzig habe es sie einfach eingeholt, das familiäre Erbe… Ihr Großvater war Holzschnitzer aus Wales und ihre Eltern sind TöpferInnen. Sie ist damit groß geworden, dass Sachen gemacht und verkauft werden. Sie wusste von klein auf, dass es nicht leicht ist, vom Handwerk zu leben, aber sie wusste auch, wie es klappen kann. Zum Beispiel durch sparsame Lebensführung. Sie macht das nun schon seit sieben Jahren und liebt es, etwas herzustellen, was schön ist, was die Menschen jeden Tag benutzen, und was sie vielleicht animiert, mehr Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, was und wie sie essen. Annas wunderschöne Löffel gehen mit dem Auftrag in die Welt, mehr Schönheit und Ganzheitlichkeit in die Ess-Kultur der Menschen zu bringen.

Nach dem Essen muss der Löffel ausgelöffelt werden… sprich: das Löffelmesser kommt wieder zum Einsatz, um den wesentlichen Teil eines Löffels zu erschaffen, die Mulde. Auf englisch wird sie „bowl“ genannt, Schüssel. Ich schnitze einen Löffel aus Kirschholz. Es ist wirklich sehr angenehm zu schnitzen, von der Textur her, und die Farbe wunderschön. Es ist allerdings auch ganz schön hart und ich komme mit meiner „Löffel-Schüssel“ nur langsam voran, obwohl auch Annas Werzeug extrem scharf ist, und ihre Art die Mulde quer zur Faser zu beginnen sich sehr stimmig anfdühlt. Annas Partner ist Baumpfleger, und so geht ihr das Material nie aus. Das Kirschholz, das ich in Händen halte, stammt von einem Baum, der letzten Winter vom Sturm umgeworfen wurde. Seine Wurzeln waren noch zum Teil in der Erde, wodurch das Holz noch mit Wasser versorgt wurde, und deswegen noch Grünholz-Charakter hat. Der Tag neigt sich dem Ende und mein Löffel hat schon richtig Form angenommen, ist aber noch weit entfernt von der Eleganz, welche Annas Löffel aus der anderen Hälfte des selben Holzstückes schon vor einiger Zeit angenommen hat. Bevor sich Anna dem nächsten Stück widmete. Und dem übernächsten. Ihre Firma heisst nicht umsonst „Annas wunderschöne, handgeschnitzte Löffel“.

… der nicht ganz fertige Löffel…

… auch auf der Rückseite ist noch einiges zu schnitzen übrig…

Anna bedauert, dass ich an diesem Tag nicht weiter gekommen bin, und meint, wir hätten vielleicht doch weicheres Holz nehmen sollen. Ich bin´s zufrieden, denn ich habe sehr viel gelernt, und das war schliesslich mein Hauptinteresse. Hätte ich vor allem einen Löffel gewollt, hätte ich ja einen von ihren kaufen können…. Ich hätte mir den ganzen Aufwand gespart und hätte obendrein ein wunderschönes Exemplar erhalten.

Zum Schluss bekomme ich auch noch die gewünschten Informationen und Demonstrationen zum Schärfen der Werkzeuge. Dann wandere ich sehr zufrieden und mit sehr müdem Kopf zum Bahnhof von Lydney zurück. Wo sie ihr Grünholz herbekommt, weiss ich jetzt. Und auf die Frage, wie sie es frisch hält, hatte sie geantwortet, sie lasse es einfach im Garten liegen. Stimmt – im feuchten Klima der britischen Insel, bleibt es bestimmt länger frisch! Außerdem hat sie dank Baumpfleger-Connechtion viel größere Stücke als ich, die viel langsamer austrocknen. Mein Zug fährt ein, es ist schon dunkel. Ich steige ein und finde schon jetzt, dass sie die 15stündige Anreise für diese Tour gelohnt hat.

JoJo Wood, Birmingham, U.K., „Pathcarvers“

Um zu JoJo Wood zu kommen, muss ich an der Station „Bournvielle“ in Birmingham aussteigen. Hier ist alles in lila gestrichen und ein Wegweiser verrät auch warum: nach links geht

Auf dem Weg zu JoJo Wood

es zur „Cadbury-World“. Komisch, dass diese erfolgreiche britische Schokoladensorte auch lila verpackt ist, wie Milka… Meine persönliche Schokoladenseite des Lebens liegt aber auf der anderen Seite der Gleise. Ich biege rechts ab und laufe durch eine sehr britisch anmutende Reihenhaussiedlung aus Backstein.

Es ist stürmisch heute. JoJo´s Werkstatt ist leicht zu finden, da ihr Name groß an der Front des ehemaligen Ladens steht. Durch das Schaufenster sehe ich, wie sie Messer schleift. Ich trete ein. Auch

gefunden!

hier bekomme ich erstmal einen Tee.

Jojo hat nicht nur das Löffelschnitzen zu ihrem Beruf gemacht, sondern hat noch weitere Standbeine: sie ist Chefin bei Pathcarvers, einem sozialen Unternehmen, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, die therapeutischen und stärkenden Effekte traditioneller Handwerkskunst auch Menschen zugänglich zu machen, die sonst wenig Chancen haben, in diesem Bereich etwas zu lernen. Außerdem hat sie beim letzten Vertreter dieses Berufszweiges in England das Handwerk der Clogs-Herstellung gelernt.

Der Unterricht bei JoJo beginnt mit den wichtigsten Schnitz-Griffen in Kombination mit den Sicherheitshinweisen. Viele habe ich bei Anna schon gesehen und so fällt es mir diesmal ein wenig leichter, sie mir zu merken. Dennoch muss ich manchmal scharf nachdenken, wenn ich sie im Laufe des Tages einsetzen will. Und bei der Technik mit dem Spitznamen „Chicken Wings“ passiert es mir immer wieder, dass ich die Hand falsch herum halte. JoJo macht mich jedesmal darauf aufmerksam und es ist auch jedesmal ein Aha-Effekt, denn es hatte sich irgendwie komisch angefühlt. Schlisslich rufe ich leicht entrüstet aus: „Warum mache ich das nur immer wieder falsch!?“ „JoJo antwortet ganz gelassen: „Weil die Hand eben bei den allermeisten anderen Griffen andersherum ist.“

In JoJo´s Werkstatt wimmelt es vor Spänen. Auch ich durfte einige hinzufügen.

Dann suchen wir Holz aus, und einen Löffel, der heute Modell stehen soll. Er ist einem Löffel aus der Tudor-Zeit nachempfunden, und hat eine sehr runde Mulde. Nun greifen wir zum Beil. Natürlich von der Firma „Wood Tools“, die JoJo mit ihrem Vater betreibt, um erschwingliche, hochwertige und funktionale Werkzeuge für Leute auf dem Schnitz-Weg zur Verfügung zu stellen. (Das wäre dann das vierte Standbein, wenn ich richtig gezählt habe.) Anders als bei Anna, die das Beil am liebsten im Stehen schwingt, und es schätzt, dabei ihr Körpergewicht als Kraftquelle einzusetzen, sitzen wir diesmal auf kleinen Bänkchen inmitten von Spänen neben dem Hackstock, um den Löffelrohling herzustellen. Ich werde total nervös, als ich mit der Beilarbeit beginnen soll, und JoJo fragt mich, was los ist. Ich sage ihr, dass ich befürchte, den Löffel gleich zu Beginn mit meinen Beilhieben zu zerstören, weil diese sich zu weit oder an falscher Stelle ins Holz graben könnten. JoJo sagt: „Dann schlag jetzt einfach mal so stark zu wie du kannst!“ Ich muss mich überwinden. Es gelingt mir kein Maximum-Schlag, aber immerhin einer mit Schmackes. „Siehst Du!“ sagt JoJo, „Sogar wenn du so viel Kraft verwendest, bleibt das Beil noch deutlich von Deiner Bleistiftlinie entfernt!“ Die Erfahrung hilft. Aber ich bin immer noch zu vorsichtig. Mit dem Ergebnis, dass noch ziemlich viel Holz am Rohling ist, dass ich dann mit dem Messer wegschnitzen muss, was natürlich aufwendiger ist, als mit dem Beil. Beim nächsten Löffel will ich da definitiv noch mutiger werden! „Weißt Du, vielleicht musst Du ja auch mal was durchhacken, damit Du wirklich das Gefühl dafür hast, mit wieviel Kraft Du etwas durchhackst! Und dann fängst Du wieder von vorne an und hast etwas gelernt!“ Nachdem wir mit dem Beil fertig sind, gibt’s wieder Tee und ich mache mir Notizen. Um mir die Schritte merken zu können mache ich kleine, beschriftete Zeichnungen, weil mir das einfacher erscheint, als alles zu beschreiben.

Meinen Löffel schnitze ich aus Weißdorn. Es liegt ein enormes Stück Stamm davon in der Werkstatt, und ich bin beeindruckt, dass Weißdorn überhaupt so dick werden kann. Natürlich will ich wieder wissen, woher JoJo ihr Holz bekommt, und auch hier sind es persönliche Kontakte zu BaumpflegerInnen und zu einigen Leuten aus dem Forstbereich, die ihr dazu verhelfen. Als ich wissen will, ob sie irgendwie versucht, es grün zu halten, meint sie nur, dass es so alt garnicht wird. Das Weißdornholz duftet ein wenig nach dem Geschmack der Beeren, und ich bin ganz angetan. Im Lauf der Zeit stellt es meine Nerven aber auch auf eine Probe, da es doch härter ist, als JoJo erwartet hatte. Sie hat es selbst zum ersten Mal bearbeitet. Glücklicherweise spart JoJo nicht mit aufmunternden Kommentaren und so geht die Motivation auch angesichts dieser Herausforderung nicht verloren.

Zum Mittagessen gehen wir zusammen mit JoJos Partner Sean nach nebenan in ein kleines Café mit DIY-Charme. Die leckeren Speisen werden in der Mehrheit auf einem Toast vom Bäckerei-Kollektiv ein paar Häuser weiter serviert. Wir haben natürlich Holzlöffel dabei, und es macht Spass, auch den Toast mit der sehr knusprigen Rinde mit einem Löffel klein zu kriegen, und das Metallbesteck einfach links liegen zu lassen.

So hatte ich das Aushöhlen bei Anna gelernt. JoJo ergänzte diese Technik um weitere Griffe.

Beim Aushöhlen hat JoJo auch ein paar andere Techniken auf Lager als Anna: zuerst wird mit der Spitze des Beils ein wenig auf die Oberfläche der noch nicht vorhandenen Mulde eingehackt, bis ein Loch entsteht, welches den Anfang des Aushöhlens leichter macht. Dann erst kommt das Löffelmesser ins Spiel. Dank des gehackten Loches kann das Löffelmesser jetzt direkt schon mit der Faser eingesetzt werden. Zusätzlich verwendet JoJo dafür einen Griff mit viel Hebelwirkung. Effizienz liegt ihr sehr am Herzen. Genauso war das eigentlich auch bei Anna. Nur sind die beiden dabei in einzelnen Fällen zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen. Wahrscheinlich eine Folge verschieder Präferenzen. Ich kann mir so auf jeden Fall aussuchen, was für mich am effizientesten und kraftsparendsten funktioniert. Das muss sich aber wahrscheinlich mit der Zeit erst herausstellen, denn im Moment bin ich noch ganz damit beschäftigt, die Informationen überhaupt erst aufzunehmen. Zu diesem Zwecke lasse ich mich jetzt also ganz auf JoJos Methode ein, und lasse den Ansatz von Anna (und möglichst auch alles, was ich von zu Hause mitgebracht habe) in den Hintergrund treten. Das Tolle: wann immer ich irgendwo Schwierigkeiten habe oder nicht weiter komme, kann ich einfach JoJo fragen, und sie hat einen Vorschlag parat.

Zwischendurch fallen mir ein paar blaugraue Löffel in ihrer Werkstatt auf, und JoJo erzählt, dass sie die mit Rost und Essig gefärbt hat, welches bei manchen Holzarten einen blauen Effekt ergibt. Sofort probiert sie mit einer Holzlocke aus, wie sich Weißdorn verhält. Wird auch blau! Sie erzählt auch noch von einer anderen Methode, dem „kolrosing“, das bei ringporigen Hölzern (z.B. Ulme und Esche) einen schönen Effekt gibt, der die Maserung betont. Eigentlich wurde es allerdings entwickelt, um Zier-Ritzungen zur Geltung zu bringen. Das Holz wird dabei mit feinem Kaffepulver oder Zimt eingerieben, was in den Poren bestimmter Maserungsschichten verbleibt. Das kann ich mit meinen Eschenlöffeln ausprobieren!

… und am Abend schnitze ich im Badezimmer (kein Teppich!) meiner Unterkunft noch weiter…

… dadurch sieht mein Wießdorn-Löffel am Ende der Tour so aus…

Gegen Ende gibt es wieder die Einheit zum Schärfen der Werkzeuge, die meine Informationssammlung auf diesem Gebiet ergänzt und bereichert, und den Fingern eine angenehme Pause verschafft. „So etwas wie zu viele Pausen gibt es nicht!“ meint JoJo, und ich stimme zu.

Zu allerletzt sagt JoJo noch ein paar Worte zum Finish: „Es ist immer besonders schwierig, zu wissen, wann ein Löffel fertig ist…“ Ich muss spontan lachen, da diese Einleitung sofort bestimmte Situationen vor meinem inneren Auge wachruft, wo ich z.B. an einer einzigen widerspenstien Faser eines eigentlich fertigen Löffels noch eine halbe Stunde herumgemacht habe. „Deswegen“ fährt sie fort „habe ich es mir angewöhnt, einen Löffel nach den Abschlussarbeiten für absolut fertig zu erklären. Die da wären: das feine Abflachen aller scharfen Kanten an der Mulde und am Stiel. Dann ist der Löffel fertig. Punkt. Und wenn mir irgendetwas daran nicht gefallen sollte, kann ich ja einen Neuen anfangen und es besser machen!“ Dieses Motto hat sie sich definitiv zu eigen gemacht. In der Werkstatt stehen körbeweise Löffel, und so „besser“ wie die aussehen, sind ihnen zahllose vorangegangen!

Ein paar Wochen später…

Der Kirschbaumlöffel ist fertig! Verwendungszweck: Servierschaufel.

… habe ich dann die Löffel aus England auch noch fertig geschnitzt. Ich war sehr zufrieden, sie zu Guter Letzt doch noch in einer eleganteren Gestalt zu sehen. Außerdem war ich überrascht,

… und hier der fertige Weissdornlöffel. Verwendungszweck: Schöpfkelle.

dass sie doch noch ganz gut zu bearbeiten waren. Die Aufbewahrung in der Plastiktüte hatte sie tatsächlich davor bewahrt, ganz auszutrocknen. Das habe ich dann gleich beibehalten und stecke unfertige Löffel jetzt immer in eine Tüte, evtl. auch noch zusammen mit feuchten Spänen, die ich von ihnen abgeschnitzt habe. Und für kleinere Holzstücke, die ich frischhalten will, habe ich jetzt eine halbe Schublade im Gefrierschrank reserviert. Das habe ich neulich mal gelesen. Habe aber noch kein aufgetautes Stück bearbeitet.

Im Garten ist vom Gelbe-Pflaumen-Baum ein Ast abgebrochen. Das ist mein nächstes Projekt: den Ast absägen, und so viele Löffel wie möglich daraus schnitzen, bevor er zu trocken und damit zu hart ist. Pflaumenholz ist extrem hart, wenn es getrocknet ist. Mal sehen, wie viele Löffel in dem einen Ast stecken!